Apfelstrudel-Strudelteig

Ausziehen, bitte – Strudelteig für Fortgeschrittene

Ich erinnere mich an eine Begebenheit aus meiner „Anfangszeit“ in Deutschland. Wir (meine Familie und ich) waren in einem Übergangswohnheim im Schwäbischen untergebracht. Zusammen mit anderen Spätaussiedlern teilten wir uns die Küche. An eine Großfamilie aus einem kleinen Dorf im Banat denke ich gerne, besonders an die „Oma“, eine rundliche, handfeste Siebzigjährige. Eines Tages – ich kam aus der Schule – war die Gemeinschaftsküche abgeschlossen.

Durch das Glasfenster in der Küchentür spähte ich hinein und sah die Oma zusammengesunken auf einem Stuhl sitzen. Auf mein Klopfen sprang sie auf um mir zu öffnen. Ich traute meinen Augen nicht: Der Esstisch, der Platz für mindestens 10 Personen bot, war bedeckt mit einer hauchdünnen, goldgelben „Tischdecke“ aus  – Strudelteig. Sie musste Stunden damit verbracht haben, dieses Kunstwerk herzustellen… .

Ich setzte mich zu ihr und sie erzählte mir von ihrem Heimatdorf, von den fröhlichen Kirchweihfesten, die sie „Kehrweih“ nannte, von den  aufwändigen Speisen, die dafür zubereitet wurden, aber auch von „ihrem Hans“, den sie zurückgelassen hatte und um dessen Grab sie sich nun sorgte…und dabei liefen dicke Tränen ihre Wangen hinunter….Rezept-und-Zubereitung-von-Strudelteig-fuer-Apfelstrudel

Manchmal hilft gemeinsames Kochen, Reden, Lachen und Weinen, das Heimweh zu bekämpfen und der Duft eines frischen Apfelstrudels kann die nüchterne und trostlose Atmosphäre einer Gemeinschaftsküche in ein heimeliges Wohnzimmer verwandeln.
Mich hat diese Begegnung damals sehr berührt und ich frage mich heute noch, ob der Teig deswegen so fein und elastisch war, weil sie ihn mit ihren Tränen „getränkt“ hatte… .

Den Strudel gab es nicht nur im Banat, er galt in  der gesamten K.U.K.-Monarchie als  Inbegriff der „feinen Küche“. Jede Familie war stolz auf ihr eigenes Strudel-Rezept und die Kunst des „Aus-Ziehens“ lernten die Töchter über Generationen von ihren Müttern.

Rezept-und-Zubereitung-von-Strudelteig-fuer-Apfelstrudel

Der Teig musste so dünn sein, dass man durch ihn eine Zeitung lesen konnte (heute macht „Tante Fanny“ den Teig und verkauft ihn bei Tegut oder Rewe).
Die Füllung kann sowohl süß als auch pikant sein und der Fantasie sind hierbei keine Grenzen gesetzt. Ich mag allerdings am liebsten Apfelstrudel und hier ist  das Rezept dafür:

Zutaten für den Strudelteig (ergibt 2 Strudel): 350 g  Weizenmehl  1 Ei, 1 Prise Salz, 150 ml  lauwarmes Wasser, 1 EL geschmolzene Butter.
Tipp: ich nehme für Strudelteig griffiges oder doppelgriffiges Mehl, das auch als „Instantmehl“ im Handel zu finden ist. Es ist etwas körniger als normales Mehl, man spürt die Partikel, wenn man es zwischen den Fingern verreibt. Dadurch kann es Flüssigkeiten besser, d. h. langsamer und gleichmäßiger aufnehmen. Und weil es sehr quellfähig ist, muss der fertige Strudelteig auch erst ein bisschen ruhen. Aber bitte nicht im Kühlschrank, am besten bei Zimmertemperatur unter einem feuchten Tuch in einer Schüssel oder mit Frischhaltefolie bedeckt.

Zutaten für die Apfelfüllung: die Apfelmenge ist davon abhängig, wie dick man den Strudel mag. Meine Strudel waren eher schlank, ich habe dafür etwa 10 mittelgroße Äpfel der Sorte Elstar genommen. Auch Boskop eignen sich gut. Dazu kommen noch 7-8 EL gute Semmelbrösel, die in Butter angeröstet werden, 50 g Rosinen (in Orangenlikör mariniert).
Zimt und Zucker können je nach Geschmack über die geschälten und gehobelten Äpfel gestreut werden, ebenso ein wenig Bio-Orangenschale, die passt gut zum Marinade-Likör.

Zubereitung des Strudelteiges: Alle Zutaten werden zügig zu einem weichen, glatten Teig verarbeitet. Der Teig darf zum Schluss weder an den Händen noch an der Arbeitsfläche kleben. Ich forme daraus zwei Kugeln oder „Laibchen“ und lasse sie eine halbe Stunde ruhen. Dann kommt der spannende Teil der Teigzubereitung, das „Ausziehen“. Erst walke ich das  Laibchen mit dem Nudelholz aus bis es fingerdick ist, dann ziehe ich den Teig mit der flachen Hand oder mit dem Handrücken immer weiter aus, bis er die gewünschte Textur hat. Der Rand bleibt dabei immer etwas dicker, den schneide ich zum Schluss ab (und verwende ihn anderweitig).

Rezept-und-Zubereitung-von-Strudelteig-fuer-ApfelstrudelUnd jetzt endlich der Strudel: Der ausgezogene Teig wird mit flüssiger Butter bestrichen, dann streue ich die Semmelbrösel darüber, verteile Äpfel und Rosinen, ebenso Zucker, Zimt und Orangenschale darauf und rolle den Teig locker zusammen. Ich bestreiche die Rolle mit etwas Butter und lege sie mit der Nahtstelle nach unten auf ein Backblech. Nach etwa 45 Minuten bei 180°C ist der Strudel fertig. Ich esse ihn am liebsten direkt aus dem Backofen, mit etwas Puderzucker – oder mit Vanille-Soße.

3 Kommentare zu “Ausziehen, bitte – Strudelteig für Fortgeschrittene”

  1. Ich liebe Apfelstrudel. Bis jetzt habe ich mich immer auf die Künste und die anschließende Einladung meiner Mutter verlassen. Dein schöner Bericht ist ein Anstoß für mich es doch selbst mal zu versuchen.

  2. Ich mache Strudelteig selbst und über Tante Fanny breiten wir den Mantel des Schweigens…

    Meine Eltern stammen aus dem Sudetenland und kamen 1950 über einen französischen Umweg nach Deutschland. In dem Haus in dem ich aufgewachsen ( ich bin Jahrgang 57) bin lebten nur Flüchtlinge und so eine „Oma“ hat dort oft für uns Kinder gekocht.
    Ich kann erst heute wirklich nachvollziehen wie schlimm der Verlust der Heimat gewesen sein muss.

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